„Verdammt“, dachte Laura als sie verzweifelt versuchte die
Eingangstür zu ihrem Apartment in Brooklyn zu öffnen. Der Schlüssel steckte,
ließ sich aber beim besten Willen nicht drehen. Weder in die eine, noch in die
andere Richtung.
Sie musste Hilfe holen.
Anders gab es wohl keine Chance in die Wohnung zu kommen. Sie stellte schnell
ihre Tasche auf den Boden und kramte nach ihrem IPhone. Sie entsperrte das
Telefon und wählte rasch die Kurzwahltaste für Anna.
Es klingelte einmal, dann
konnte Laura bereits die Ansage der Mobilbox hören. „Scheiße, womit hab ich das
verdient?“, fluchte Laura nicht gerade leise vor sich hin.
„Da brauch ich dringend
ihre Hilfe und sie geht nicht ran“. Anna war ihre beste Freundin, bereits seit
der Schulzeit waren sie ein unzertrennliches Gespann gewesen. Laura und Anna,
immer für einander da, egal was auch immer passieren würde.
Anna war ohne zu zögern
mitten in der Nacht zu ihr gekommen als sie vollkommen verzweifelt war weil sie
Simon in flagranti mit einer anderen erwischt hatte. Anna hatte sofort eine
Tasche für sie gepackt und sie mit in ihre Wohnung genommen. Zu diesem
Zeitpunkt hatten sie beide nicht gewusst, dass diese Wohnsituation fast fünf
Monate so bleiben sollte.
Fünf Monate, in denen
Laura ihr gesamtes Leben mehr als einmal überdachte, in denen sie alle Phasen
einer Trennung durchlebte und mehr Taschentücher als eine an Schnupfen
erkrankte Großfamilie verbrauchte.
Anna war ihr zur Seite
gestanden, hatte sich nicht beschwert als Laura zum wahrscheinlich 50 Mal Dirty
Dancing sehen wollte und auch ihren Wunsch alles hinter sich zu lassen und
komplett neu anzufangen hatte Anna niemals belächelt, sondern im Gegenteil, sie
hatte Laura immer unterstützt.
Aber jetzt war ihr Telefon
ausgeschalten, was bei näherer Betrachtung der Dinge auch daran liegen konnte,
dass es in Österreich schon nach Mitternacht war. Hier in New York war es
gerade mal halb sieben Uhr abends.
Laura hatte in der Hitze
des Gefechtes nicht nur die Zeitverschiebung vergessen, sondern auch die
Tatsache, dass ihr die tausende Kilometer entfernte Freundin wohl diesmal
nicht aus der Patsche helfen konnte.
Was sollte Anna auch in
Wien unternehmen um ihr hier in Brooklyn bei ihrem Schlüsselproblem zu helfen? Anna
würde wohl zuerst beruhigend auf sie einreden und dann die Nummer eines
Schlüsseldienstes im Internet heraussuchen.
„Meisterleistung“, überlegte Laura „auf diese Idee hätte ich auch
selbst kommen können.“ Die Vorstellung, wie ihre Freundin mit der Situation
umgegangen wäre, hatte Laura aber nicht nur ein Lächeln auf die Lippen
gezaubert, es hatte sie auch ruhiger gemacht.
„Kein Grund auszuflippen,
Laura, es gibt auch in New York Schlüsseldienste und es ist ja nun nicht so,
dass du mitten in der Wüste auf der Suche nach einer Oase bist, du kannst
dieses Problem lösen“, murmelte Laura leise zu sich selbst.
Sie nahm abermals das
IPhone zur Hand, tippte das Googlesymbol an und hatte binnen Sekundenschnelle
zig Telefonnummern von Schlüsseldiensten ganz in der Nähe vor sich.
Schnell überflog sie die Liste
und wählte dann eine der Nummern. Es klingelte und rasch hatte sie auch einen
Mann mit starkem spanischem Akzent in der Leitung. Er hörte sich geduldig ihre
Erklärung an, bat sie einen Moment dranzubleiben, und teilte ihr dann
freundlich mit, dass er so schnell wie möglich jemanden vorbeischicken würde.
Laura bedankte sich, wollte
schon auflegen, fragte aber dann noch nach bis wann der Servicemann da sein
konnte. „He`ll try to came
as soon as possible, but there is no chance to make it before half past nine. He`ll
give you a call“, antwortete der Mann am Telefon.
Laura verabschiedete sich
und atmete erst einmal tief durch. Ok, der erste Schritt war getan, bis halb
zehn waren es noch gut zweieinhalb Stunden, die es nun zu überbrücken galt.
Langsam sankt Laura auf
den Boden und lehnte sich mit ihrem Rücken gegen die verschlossene Tür. Sie atmete
einige Male tief durch, fuhr sich mit der Hand durch ihre dunkelbraunen Locken
und kramte dann in ihrer Tasche nach irgendeinem Zeitvertreib. Mist, das
Notebook lag in der Schule und heute Morgen hatte sie wohl auch vergessen ihren
Kindle einzupacken.
In ihrer Tasche fand sie
lediglich einen uralten Müsliriegel, eine Packung Taschentücher und etwas
Schminkzeug. Sie schnappte sich noch einmal ihr IPhone, entsperrte es und
stellte fest, dass seit ihrem Anruf immerhin drei Minuten vergangen waren.
„Scheiße, Scheiße,
Scheiße“, fluchte sie diesmal etwas leiser vor sich hin. „Kein Grund jetzt die
Nerven wegzuschmeißen, der Schlüsseldienst kommt und du gehst jetzt einfach in
eine der Bars in der nächsten Straße, trinkst etwas und schlägst dort die Zeit
tot“, befahl Laura sich selbst.
Etwas zögernd stand sie
daraufhin auf und machte sich auf den Weg durch das Stiegenhaus in Richtung
Ausgang. Ihre Tasche und das Telefon in der Hand machte sie sich auf den Weg in
Richtung Harrison Avenue, eine belebte Straße gleich um die Ecke.
Jetzt kurz nach sieben war
einiges auf den Straßen los. Die Leute kamen von der Arbeit heim, viele von
ihnen trugen ihr „Take-away-Essen“ mit sich rum. Laura hatte zwar mittlerweile
einige Vorteile, der Stadt die niemals schläft kennengelernt, die amerikanische
Art zu „kochen“ jedoch hatte sich ihr bis jetzt noch nicht erschlossen.
Die meisten ihrer
Arbeitskollegen nannten das Aufwärmen eines Mikrowellengerichtes „kochen“ und
konnten einfach nicht nachvollziehen warum man stundenlang in der Küche stehen
wollte, wenn in New York praktisch jedes Gericht rund um die Uhr verfügbar war.
Laura liebte es zu kochen.
Im Haus ihrer Eltern war die Küche stets der Mittelpunkt des Hauses gewesen und
ihre Mutter als leidenschaftliche Köchin hatte wohl einiges ihrer Fähigkeiten
auf ihre Tochter übertragen.
Mittlerweile war Laura in
der Harrison Avenue angelangt. In dieser Straße gab es einige Bars und kleine
Restaurants. Gleich rechts vor ihr konnte sie eine Bar namens „Taylors“
entdecken.
Rechts nebenan sah sie
einen kleinen Italiener. Sie überlegte kurz sich dort eine Pizza zu bestellen
beschloss dann aber, dass der heutige Tag wohl eher nach etwas „Härterem“
verlangte. Außerdem war morgen Samstag, sie konnte sich also beruhigt
ausschlafen. Das Wochenende lag vor ihr.
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