Den nächsten Tag erlebte Laura wie in Watte verpackt.
Sie hatte Mühe sich auf Gespräche zu konzentrieren. Bereits als sie in das Taxi
stieg um nach Hause zu fahren hatte sie Probleme dem Fahrer ihre Adresse zu
sagen. Zu sehr beschäftigte sie ihr Nachmittag mit Jon. Ständig sah sie ihn vor
ihrem geistigen Auge.
Der Tag mit Jon war zu perfekt gewesen. Sie hatte jede
Minute mit ihm genossen und hatte jeden Gedanken an seine Familie und vor allem
an seine Frau zur Seite geschoben. Jetzt aber wurde sie mit voller Wut von all
diesen Gefühlen heimgesucht. Sie hatte eine Affäre mit einem verheirateten
Mann.
Moment mal, einmal
Sex zu haben ist noch keine Affäre.
Familie und Ehe hatten einen sehr hohen Stellenwert in
Lauras Leben. Sie selbst kam aus einem intakten Elternhaus um das sie ihre
Schulfreundinnen immer beneidet hatten. Ihre Eltern führten eine harmonische
Ehe und hatten Laura und ihren Bruder mit eben diesen Werten erzogen.
Laura hatte das Gefühl all diese Werte mit Füßen
getreten zu haben. Andererseits war ja nicht sie verheiratet, sondern Jon. Wenn
also jemand ein schlechtes Gewissen haben sollte, dann war das wohl er. Mit
dieser Schlussfolgerung fürs erste zufrieden packte Laura einen Stapel Bücher
und machte sich aus dem Konferenzzimmer auf den Weg in die nächste Klasse.
Zumindest in den nächsten 50 Minuten würde eine Gruppe
von 24 aufgeweckten 6jährigen sie von jedem Gedanken an Jon abhalten.
Bereits an der Klassentür wurde sie von Jeremy
empfangen, der ihr wild gestikulierend erzählte, dass er sich gerade mit Milo
gestritten hatte und dieser nun in der Leseecke saß und weinte. Offensichtlich
plagte den kleinen Mann nun das schlechte Gewissen. Laura stellte die Bücher
auf den Lehrertisch und ging dann mit dem sichtlich niedergeschlagenen Jeremy
in die Leseecke.
Keine Zeit für
weitere Gedanken.
***
Als Jon in seinem Penthaus ankam war es bereits kurz
vor elf und die Wohnung lag im Dunkeln. Er ging in die Küche, öffnete den
Kühlschrank und nahm ein Bier heraus. Die kühle Flüssigkeit war genau was er
jetzt brauchte.
Zuerst hatte er überlegt noch einen kurzen
Zwischenstopp in einer kleinen Kneipe unweit seiner Wohnung einzulegen. Jetzt
aber war er froh sich dagegen entschieden zu haben. Er wollte kein geselliges
Treiben, er brauchte die Stille.
Mit dem Rücken an den Kühlschrank gelehnt trank er sein
Bier und schaute auf die Lichter der Stadt. Er fragte sich, ob Laura wohl auch
schon in ihrer Wohnung war.
Stop thinking about her, asshole! You wanted her, you
had her. Mission
accomplished.
In seine Gedanken versunken bemerkte Jon erst im
letzten Moment, dass Dorothea die Treppen heruntergekommen war und in der Tür
stand. Für einen kurzen Moment sahen sich die beiden in die Augen bevor seine
Frau das Schweigen brach.
„How was your day,
Jon?“ “It was a long one, I`m pretty tired. I just needed a beer before going
to sleep.”
Dorothea nickte. “I`m sorry.” Ihre Worte waren nicht
viel mehr als ein Flüstern und Jon war sich zuerst nicht sicher sie richtig
verstanden zu haben. Fragend
blickte er sie an.
„I overreacted. It
wasn`t your fault that Jakey ran away. I shouldn`t have yelled at you.” Wieder
entstand eine Stille zwischen den beiden. “Thanks for telling me. Does that
mean we are good?“ Dorothea nickte und zum ersten Mal seit ihrem Streit
umspielte ein kleines Lächeln ihre Lippen.
Jon ging auf seine Frau zu und gab ihr einen Kuss auf
die Stirn. Mit einem „I`m glad“, nahm er sie bei der Hand und gemeinsam gingen
sie die Treppen hinauf.
Vor dem Schlagzimmer blieb Jon stehen und ließ ihre
Hand los. „I wanna check on
the boys and I need to shower. Go to sleep, babe.” “Good night, Jon.”
Romeo lag an seinen riesigen Stoffhasen “Mr. Ear“
gekuschelt in seinem Bett. Behutsam strich Jon ihm über die blonden Haare und
küsste seinen Sohn. „I love you buddy.“
Leise zog er die Türe zu und ging den Gang entlang zu
Jakeys Zimmer.
***
Laura erwachte am Samstagmorgen durch ein Vibrieren
ihres Handys. Verwundert setzte sie sich auf und blickte sich um. Sie hätte
schwören können für heute keinen Wecker gestellt zu haben. Da das Display ihres
IPhones aber noch leuchtete und erneute kurz vibrierte schob sie die Decke zur
Seite und stand auf.
Sie schnappte sich das Telefon und entsperrt es. Nicht der Wecker, sondern eine SMS hatte sie
aufgeweckt.
08:03 Thinking about you. XX J.
Ohne eine Antwort zu tippen nahm Laura das IPhone und
kroch wieder in ihr Bett. Die Decke bis über den Kopf gezogen versuchte sie
noch einmal einzuschlafen.